Das sogenannte „Kürschnergate“ war heute die Aufregung im Bundestag. Für einige war es ärgerlich, für andere peinlich, für viele wohl lustig. Zumindest die Mittagspause verbrachte heute – wer konnte – am Rechner. Zum Schlapplachen. Ausgangspunkt war eine Hinweis-Mail der Verwaltung, dass der neue „Kürschner“ (ein Handbuch) erschienen sei. Diese ging an alle Accounts im Bundestagsnetz (bis zu 6 je Abgeordneten-Büro, Fraktionsmitarbeiter und Verwaltung). Was als verunglückte Mailantwort mit Bestellungen begonnen hatte, provozierte erst ärgerliche Proteste, was andere zu hämischen Kommentaren veranlasste – und immer als „Antwort an alle“. Immer mehr wollten vom Verteiler gestrichen werden. Hinweise folgten, doch nicht die „Antwort an alle“ Funktion zu nutzen. Erste Joks folgten. Schnell müllten sich alle Bundestags-Postfächer zu. Es folgten Grüße, „Gewinnspiele“, Verlosungen alter Kürschner-Aufgaben, Antworten darauf, Flashmob-Vorschläge, hämische Hinweise an Anonymus, wie man ein öffentliches Netz lahm legt, Fragen, wann der Mail-Server aufgibt, bis hin zu Bildern vom Kantinenessen, das all jene im Büro gebliebenen Mitleser verpassten. Natürlich fehlten auch die besorgten Fragen, wer die Kosten für diese Mail-Welle trägt inkl. der verpassten Arbeitszeit, nicht. Am Ende dürften es rund 175 Mails gewesen sein, was bei einem Verteiler von jeweils etwa 4.300 Adressaten mehr als eine dreiviertel Million Mails innerhalb des Bundestagsnetzes in nur knapp zwei Stunden heißt.
So plötzlich, wie gegen 11:20 Uhr die Lawine begonnen hatte, ebbte sie kurz nach 13 Uhr ab. Leicht verspätet folgte eine Spiegelung in Social Networks.
Nun waren die Bundestagsmitarbeiter bzw. die Mitarbeiter der Abgeordneten für kurze Zeit selbst einmal Gegenstand medialer Betrachtung. Nicht ganz ohne eigenes Zutun! Bei Twitter war #Kürschnergate ab 12 Uhr die Nr. 1 der deutschen Nachrichtenszene (Bild). Schon entstanden erste Merchandising-Produkte (siehe Screenshot). Doch ohne Nachrichten von „Insidern“ wäre wohl niemand außerhalb des Parlakom-Netzes im Bundestag auf diesen Aufreger aufmerksam geworden.
Wohl auch aus dem Kreis der Kollegen selbst wurde die Facebook-Seite „Babette war’s“ flix erstellt. Babette hatte man als Verursacherin ausgemacht. Nun, werden Schaden hat …
Verstieß diese Indiskredition, verstößt diese Nachricht gegen die Verschwiegenheitspflicht in allen Arbeitsverträgen?
Recht früh berichtete Heute.de auf ZDF online.
Nun, ich musste zwar in mehreren Accounts die ungefragt zugesandten Mails mehrfach löschen, doch fand ich das Mitlesen der Konversation diese Mühe wert. Denn viele Kolleginnen und Kollegen haben sich als sehr kreativ erwiesen. Hatte man dem Bundestag gar nicht zugetraut, oder? Hoffentlich drücken jene genervte Kollegen und Abgeordneten ein Auge zu. Es ist vorbei!
Nachtrag vom 26. Januar 2012: Der Abgeordnete Peter Tauber fasst #kürschnergate zusammen.